Tektonik des Leibes
Begegnung mit den Plastiken von Christin Müller
Text: Jörg Wunderlich

Brüche und Narben, Verschiebungen und Deformation – die Terrakottaplastiken von Christin Müller erzählen von den Rissen und Brandwunden des fragilen Ich, verbinden Themen wie Identität und Leiblichkeit, Verletzung und Beziehung.
Die Künstlerin hat eine authentische Sprache entwickelt, in der sie sich mit klassischen bildhauerischen Themenstellungen auseinandersetzt. Der Ton als urplastischer Stoff des Modelliervorgangs war dabei von Anfang an ihr Material. Sein expressives Potenzial bringt sie zur Entfaltung, indem sie auf indirekte Verfahren wie Abgüsse verzichtet. In den Plastiken bleiben so alle haptischen und prozessualen Spuren ihrer Entstehung wahrnehmbar erhalten. Die Künstlerin arbeitet mit schamottierten Massen, die extreme Verformungen bis hin zur Rissigkeit zulassen und gleichzeitig die nötige Standhaftigkeit mitbringen, um Hohlfiguren konstruktiv aufbauen zu können. Keramische Brennverfahren in Temperaturbereichen zwischen 1120 °C und 1160 °C beschließen dann die jeweiligen bildnerischen Prozesse.
Schon als Kunststudentin im Studiengang „Plastik“ war ihr klar, dass sie weder mit Stein noch mit Holz arbeiten wollte, erzählt Christin Müller selbst von ihrer anfänglichen Suche nach möglichen Ausdrucksformen. An der Kunstakademie in Halle konnte sie im Nebeneinander von traditionell figurativem Naturstudium am Modell und freien Materialexperimenten ihren eigenen Weg finden und dabei ganz selbstverständlich aus dem Fundus der klassischen Moderne und der regionalen Bildhauerschule schöpfen. Ausgangspunkte waren dabei unter anderem die Inspiration bei der Beschäftigung mit restaurierten antiken Keramiken oder Abformungen von Gipsabdrücken des eigenen Körpers. Ein nächster entscheidender Schritt führte hin zu frei aufgebauten geschichteten und verformten Torsi aus Bruchstücken, die mit Steggerüsten statisch untersetzt werden mussten. Diese zum Teil sichtbar gehaltenen Stützwände gewannen nach und nach an Autonomie und wurden so zu einem ganz eigenen Thema innerhalb ihrer Arbeiten.
Während ein voll modellierter Torso trotz seines fragmentarischen Charakters immer eine geschlossene Oberfläche aufzeigt, wird in den Arbeiten von Christin Müller in besonderer Weise der Blick durch Öffnungen ins Innere der Skulptur gelenkt. Dadurch wird die rezeptive Konvention, die uns seit Rodin erlaubt, einen Torso als vollständiges Werk zu akzeptieren, im wahrsten Sinne des Wortes wieder aufgebrochen. Ein schrundiger offener Halsrand kann so beinahe wie enthauptet wirken, ein frontaler Blick in offene Extremitäten, Assoziationen an Verletzungen und Amputationen hervorrufen. Spannungsvolle Beziehungen entstehen zwischen dem umhüllenden organischen Äußeren und den dazu stark kontrastierenden konstruktiven Strukturen im Inneren, gesteigert durch die aufklaffenden Risse und anatomischen Brachstellen.
Bei aller oft bis ins Schmerzhafte gedehnten Expressivität enthalten die Werke zugleich fast immer auch einen ausgleichenden und harmonisierenden Pol.So werden die widerstrebenden Sphären des Innen und Außen durch proportionale Komposition und ein ausgewogenes Linienspiel der Umrisse verbunden. Auch die schroffen Oberflächen wirken bei aller Brachialität durch ihre Farbgebung und die artefaktische Anmutung immer auch zart und zerbrechlich. Eine affektive Vielschichtigkeit entsteht, die den Ausdruck fragiler, sinnlicher Schönheit ebenso wie ihre Abwesenheit und Zerstörung einschließt.
Die kompositorische Aussöhnung drastischer Details wird besonders wirksam, wenn die Künstlerin ihre plastische Sprache auf mehrteilige Arbeiten bei Themen wie den Paar- und Gruppenkonstellationen anwendet. Die Arbeit „Komposition zum Thema System“ von 2009 bildet einen vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung. Mit dieser monumentalen fünfteiligen Figurengruppe ist es ihr gelungen, ein Sinnbild für die Komplexität von Täter-Opfer-Dynamiken in familiären und gesellschaftlichen Zusammenhängen zu schaffen, welches durch die Gesamtkomposition einen Katharsis-Charakter bekommt.
Das Ganze ist mehr als die Summe aller Teile, heißt es bei Aristoteles zu einer Zeitepoche, als die monumentale figürliche Rundplastik den vollständigen Menschen in seiner heldischen Idealgestalt zeigte. Seit der Moderne gilt uns dagegen das Fragment als „authentisches Bruchstück eines gescheiterten Synthetisierungsversuchs“ [1] und ist somit zum legitimen und sogar notwendigen künstlerischen Ausdruck geworden.
Christin Müller ist erklärtermaßen bestrebt, eine fragmentarische Schönheit zu formulieren, die schmerzhafte Brüche und Deformationen mit einbezieht und transzendiert. Damit erfüllen ihre Werke auch eine Forderung an das Kunstwerk, nicht allein beim bloßen Aufzeigen individueller oder kollektiver Wunden stehenzubleiben.

Jörg Wunderlich

[1]   )   Eberhard Ostermann: Der Begriff des Fragments als Leitmetapher der ästhetischen Moderne (05.02.2004). In: Goethezeitportal.de URL:<http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/ostermann_fragment.pdf&gt; (02.09.2011).